Spanien ist ein Land von großer kultureller Vielfalt. Auf einer Reise von Norden nach Süden und Osten nach Westen verändern die Felder und Dörfer von Region zu Region ihr Aussehen. Manchmal hat man den Eindruck, dass die Gebäude mit der Landschaft verschmelzen. Seit je her inspiriert sich die traditionelle Architektur an der Umgebung.
Aber nicht nur das Klima und die geographischen Gegebenheiten haben die verschiedenen typischen Häuser, die die spanische Landschaft prägen, beeinflusst, sondern auch deren historische Herkunft. Die Besitzverhältnisse während der Feudalzeit, der arabische Einfluss im Süden und in der Levante-Region oder das militärische Erbe des Nordens bestimmen die Unterschiede zwischen der traditionellen Architektur in jeder Region. Einige der Gebäude stammen sogar aus der Römerzeit oder der Jungsteinzeit.
Valencia und Granada: alquería
Ein alquería ist ein für die Region Levante typisches, großes Landhaus. Es handelt sich um ein Gebäude, das mit ziemlich allen landwirtschaftlichen Elementen versehen ist, wie zum Beispiel einer Mühle, einer Scheune, Bewässerungskanälen usw. Normalerweise ist ein alquería auch mit Befestigungselementen wie Mauern und einem Wachturm ausgestattet. Auf gewisse Weise stellt es eine Weiterentwicklung der römischen Villa dar, die von den Arabern im Süden Spaniens und in der Levante-Region errichtet wurden und die große Fortschritte in der Landwirtschaft auf der Iberischen Halbinsel mit sich brachten. Nach der Reconquista, der christlichen Rückeroberung, behielten diese Häuser ihren Namen (der vom Arabischen „qarya“ abstammt, was „Bauernhaus“ bedeutet) und wurden als landwirtschaftliche Güter im Süden und Osten des Landes genutzt.
Andalusien: cortijo
Der cortijo, eine Art Bauernhaus, ist ein weiteres typisches Bauwerk des südlichen ländlichen Spaniens. Zu dem aus Zeiten der arabischen Herrschaft Al-Ándalus bereits bestehenden alquería gesellte sich der cortijo, um diese isoliert gelegenen Anwesen zu schützen. Sie wurden ebenfalls zur Landwirtschaft und Viehzucht genutzt und erlebten ihre Blütezeit etwas später, um das 18. Jahrhundert. Das Besondere an diesem Bauernhaus ist, dass es für den Großgrundbesitz konzipiert wurde.
Die Landverteilung während der arabischen Eroberung und der christlichen Rückeroberung der Iberischen Halbinsel schuf einen Süden Spaniens mit ausgedehnten Grundstücken, der im krassen Gegensatz zu den kleinen Höfen im Norden steht. Deshalb sind diese Gebäude sehr groß und liegen weit außerhalb der Dörfer: Sie wurden von den Großgrundbesitzern oder „señoritos“ als Produktions- und Machtzentrum genutzt, um die weitläufigen Gebiete kontrollieren zu können.
Granada: carmen
Die carmen, die typisch für Granada sind, haben ihren Ursprung in der arabischen Eroberung der Iberischen Halbinsel. Der Name stammt aus dem arabischen „karm“, was Weingut bedeutet. Die Araber in Granada benutzten diesen Begriff im 11. Jahrhundert, um sich auf kleine Anwesen und Landhäuser außerhalb der Stadtmauern zu beziehen. Obwohl diese Häuser kleine Obstgärten oder etwas Ackerland besaßen, wurden sie mehr zur Erholung als zur Landwirtschaft genutzt. Deshalb sind sie von schönen Gärten umgeben und liegen in Hanglage mit Blick auf die Stadt Granada.
Toledo: cigarral
Ebenfalls zu Erholungszwecken entstanden Mitte des 15. Jahrhunderts die ersten cigarrales, eine Art Herrenhaus, als die Kriege zwischen Christen und Muslimen am Tajo-Ufer aufhörten. Der Ursprung des Wortes ist ungewiss, obwohl man glaubt, dass es sich auf die Sommersaison bezieht, wenn die Zikaden (auf Spanisch cigarras) nachts anfangen zu zirpen und diese Herrenhäuser noch bewohnt waren. Die Eigenschaft als Luxusimmobilie setzte sich im 20. Jahrhundert mit der Bourgeoisie fort und lebt bis heute mit dem Hotelgewerbe weiter.
Levante: barraca
Die barraca ist eine für die levantinische Region typische Hütte. Es handelt sich um ein Landhaus, das in vielen Fällen in Meeresnähe liegt und über ein charakteristisches schräges und ovales, bewachsenes Dach verfügt. Sein Ursprung hängt mit den für die iberische Kultur typischen Hütten zusammen, da die barracas mit einfachen Materialien der Umgebung gebaut werden wie Schlamm, Schilf, Lehm und Stroh. Diese traditionellen Häuser haben mehrere Jahrhunderte lang Wind und Wetter getrotzt und boten so vielen Generationen von Fischern und Obstgärtnern Schutz.
Katalonien: masía
Im Nordosten der Iberischen Halbinsel entstand aus den römischen Villen das, was wir heute als masías kennen. Diese isolierten Häuser in ländlichen Gebieten sind je nach Bauzeit und Region sehr unterschiedlich (in den Bergen aus ungeschliffenem Stein, weiter südlich mit Lehmziegeln versehen, in den Pyrenäen mit Schieferdächern gedeckt usw.). Die strukturellen Elemente haben sie jedoch alle gemeinsam: ein großes, zweigeteiltes Dach über einer nach Süden ausgerichteten Hauptfassade und eine erste Etage, die der landwirtschaftlichen Arbeit gewidmet war, während das Haus oben lag.
Kantabrien, Asturien, Kastilien-León: casa montañesa und casona
In Kantabrien, Asturien und im Norden von Kastilien-León existiert eine traditionelle Architektur, die Bergarchitektur genannt wird. In den Bergdörfern befinden sich robuste Häuser aus Stein (casa montañesa) mit einem charakteristischen Holzbalkon, der die gesamte Hauptfassade einnimmt und immer nach Süden ausgerichtet ist. Dieser durch Dachtraufen windgeschützte Balkon wurde als Trockenplatz genutzt und ist seit dem 16. Jahrhundert ein wesentliches Element der ländlichen Berghütten.
Das Equivalent der masías oder alquerías, d. h. die Häuser der wohlhabenden Klassen, die sich bis auf die dekorativen Elemente alle ähnelten, wurde casona genannt.
Galicien: pazo
Der pazo ist ein für Galicien typisches Landhaus, dessen Ursprünge, wie im Rest Spaniens, auf die römischen Villen zurückgehen. Die Besonderheit dieses Landhauses liegt jedoch darin, dass es durch viele Epochen und Strömungen beeinflusst wurde: Sein Aussehen als Verteidigungsbollwerk stammt aus dem Mittelalter (die ersten Herrenhäuser entstanden um 1500), es wurde aber auch von der galizischen Kloster- und Bauernarchitektur, der italienischen Renaissance und dem portugiesischen Barock beeinflusst.
Baskenland: caserío
Die caseríos tauchten zum ersten Mal vor etwa 500 Jahren in der baskischen Landschaft auf. Diese Bauernhäuser sind zweifelsohne unter den effizientesten Gebäuden des Norden Spaniens. Es handelt sich um ein sehr großes Gebäude mit einer Wohnfläche von bis zu 1.000 m2, das im selben Gebäude einen Stall, eine Weinpresse, eine Scheune, einen Wohnbereich und eine Scheune vereint. Das typisch baskische caserío inspiriert sich an der französischen Architektur und der süddeutschen Tischlerei, da viele Basken beim Bau der gotischen Kathedralen von Kastilien und Andalusien mit französischen und deutschen Architekten zusammengearbeitet und von ihnen gelernt haben.
Nordspanien: hórreo
Der hórreo ist ein typisches Bauwerk des Nordwestens der Iberischen Halbinsel und dient nicht zu Wohnzwecken, sondern wird dazu genutzt, Getreide entfernt vom Boden zu lagern, um es so vor Feuchtigkeit und Nagetieren zu schützen. Obwohl der Name vom lateinischen Wort „horreum“ (Scheune) stammt, ist sein Ursprung viel älter. Als die Römer auf die Halbinsel kamen, benutzten die Iberer diese Konstruktion bereits und einige Historiker weisen darauf hin, dass sie aus der Jungsteinzeit stammen könnte, als unsere prähistorischen Vorfahren begannen, Landwirtschaft zu betreiben. Wenn Sie durch Asturien, Kantabrien oder Galicien reisen, können Sie diese einzigartigen Gebäude finden, die sich bereits in eine architektonische Ikone Spaniens verwandelt haben.
Originalartikel geschrieben von Hoja de Router für idealista/news